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Justinus Kerner

Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit
Weiteres Leben um jene Zeit


Meine drei Brüder, die sich nun alle auswärts befanden, sah ich wenig mehr, dagegen war meine jüngste Schwester Wilhelmine, die aber auch einige Jahre älter war als ich, meine Gespielin und Teilnehmerin an meinem Unterricht. Den Unterricht in der deutschen Sprache gab uns ein langer, alter Schullehrer. Er hieß Wetzel und erteilte auch damals unserm jetzigen König und seinem Bruder, dem Herzog Paul, den ersten Unterricht im Lesen und Schreiben.

Ich erinnere mich noch lebhaft seines schwarzlackierten, hohen Stockes mit silbernem Knopfe und langer, schwarzer Quaste, und von dem Weine, den man ihm jede Stunde in einem mit Brot bedeckten Glase auf den Tisch stellte, habe ich noch jetzt den Geruch, wie aber der Geist seines Unterrichts war, weiß ich nicht mehr.

Ein alter Oberforstmeister von Stetinkh bewohnte in einem eine halbe Stunde von Ludwigsburg gelegenen Lustwalde, dem sogenannten Osterholze, ein Forsthaus.

Dahin machten wir öfters in Begleitung meiner Eltern Spaziergänge. Er hatte eine Tochter vom gleichen Alter meiner jüngsten Schwester, die mit ihr innige Freundschaft hielt. Da sie keine Mutter mehr hatte (dieselbe lebte getrennt von ihrem Manne), blieb sie oft wochenlang bei uns. Von diesem Osterholze ist mir noch eine Begebenheit erinnerlich, die ich meinen Vater öfters erzählen hörte:

Ein Oberst von Dedell war unser Nachbar und pflegte oft mit meinem Vater Spaziergänge zu machen.

Einmal ging er mit ihm in Begleitung jenes Forstmeisters im Osterholze spazieren, der Forstmeister wollte ihnen eine besonders schöne Buche zeigen, die tags darauf gefällt werden sollte. Bedeutungsvoll blickte Herr von Dedell an dem Baume auf und nieder und sprach mit einem besondern Ausdruck: »Schade, daß dieser Baum fallen muß!«

Der Forstmeister und mein Vater vertieften sich hierauf im Weitergehen in ein Gespräch und vermißten ihren Begleiter nicht, bis sie einen Schuß vernahmen. Er hatte sich ohnweit jenes Baumes im Dickicht des Waldes eine Kugel vor den Kopf geschossen. Sein Anblick war herzzerreißend. Der Grund seines Selbstmordes soll hauptsächlich Vermögenszerrüttung gewesen sein.

Sooft ich mit meiner Schwester und dem Fräulein vom Osterholze (so nannte man die Tochter des Oberforstmeisters) in jenem Walde spielte oder Blumen suchte, gingen wir mit Schauder schnell an jener Stelle vorüber, wo der Unglückliche den Tod fand, die ein Baum, in den ein Kreuz geschnitten war, bezeichnete.

Es hatte aber auch diese Waldanlage ohnedies etwas Unheimliches, Schauderhaftes. Mitten in ihr, in großer Verlassenheit, steht ein Schlößchen, das schon damals in seinem Innern sehr öde und zerfallen war. Wir öffneten seine Türen stets mit Schauern. Gemeiniglich von Fledermäusen und Eulen zurückgeschreckt, verließen wir es schnell wieder und befürchteten, es folge uns etwas Gespenstisches aus ihm nach.

Von dem Osterholze aus besuchte ich auch oft mit meinem Vater und meinen Schwestern die Veste Asperg.

Das Merkwürdigste war mir daselbst des Dichters Schubart Gefängnis. Es stand auf dem höchsten Punkte dieses Berges, 1128 Fuß über der Meeresfläche, und heißt das Belvedere, denn die Aussicht auf ihm ist prachtvoll. Der größte Teil Württembergs, besonders die Gefilde des untern Neckars mit ihren Städten, Dörfern und Burgen, liegen hier im schönsten Lichte ausgebreitet. Der arme Sänger saß tief unten in einem kleinen Gewölbe, wo nur wenig Licht und Luft, jedenfalls keine Aussicht ins Freie war.

Welche Tantalusqual müssen für ihn die Ausbrüche von Bewunderung und Freude der Besucher dieses Belvederes über ihm beim Anblick dieser schönen Natur gewesen sein, drangen sie zu ihm hinab in den dunkeln, verlassenen Kerker, in welchem er so viele Jahre lang saß.

Der nachherige König Friedrich (damaliger Erbprinz) bewohnte ein eigenes Palais in Ludwigsburg, das nun das Museumsgebäude ist. Seine zwei Söhne, Wilhelm und Paul, wurden bei und von ihm erzogen, und er schien gegen sie ein so strenger Vater gewesen zu sein, als der meinige gegen meine ältern Brüder war.

Meinen Vater schätzte er als Mensch und Beamten sehr, und ich wurde öfters als Gespiele zu den Prinzen in den Garten an ihrem Palais gerufen. Ich erinnere mich, daß ich im Spiele mit ihnen öfters, wie sie auch, bald den Kutscher, bald das Pferd machte.

Das von Mauclersche Haus und das meiner Eltern stand damals auch in Freundschaft miteinander. Der ältere Sohn war schon bei Errichtung der jungen Landmiliz manchmal mein Exerziermeister gewesen. Lange konnte ich nicht begreifen, was rechts und links sei, bis er mir, um es mir recht ins Gedächtnis zu prägen, von meinen Spielsachen ein Dächlein auf den rechten Arm und ein Häuschen auf den linken band.

Es war dies der nachmalige Ministerpräsident. Seinen jüngern Bruder traf ich zu Tübingen wieder. Er hielt sich damals als junger Forstbeamter zu Bebenhausen auf, war ein gemütlicher, herzlicher Mensch, dessen trauriges Verhängnis und Tod mir große Schmerzen machte.

Wie es eines besondern Mittels bedurfte, mir einzuprägen, was links und rechts sei, so war auch alles Lernen für mich in früherer Jugend sehr schwer, und immer überwog das Gemütsleben das Intellektuelle in mir. Auch sonderbare Vorurteile, die der Verstand leicht hätte bezwingen können, prägten sich mir oft lange und fest ein. So hatte ich einen Kameraden, den ich herzlich liebte; er war der Sohn eines Malers Pemeaux aus der herzoglichen Porzellanfabrik. Ich kam oft in seine Wohnung, die nächst der Oberamtei war. Die Verfertigung der nachher so berühmt gewordenen Porzellanfigürchen, mit deren Modellierung und Malerei sein Vater und seine Brüder sich beschäftigten, bannte mich oft tagelang in sein Zimmer; aber hätte ich daselbst auch den größten Hunger und Durst erlitten, ehe ich etwas aus diesem Hause getrunken oder gegessen hätte, wäre ich lieber gestorben; denn ich wußte, daß die Leute katholisch waren, worunter ich mir etwas ganz Besonderes dachte, ohne daß ich von meinen Eltern je gelernt hätte, ein solches Vorurteil zu hegen. Und doch war mir nichts anziehender als die katholische Kirche im Schlosse, die ich oft besuchte und es immer darauf einzurichten wußte, daß mich der Geistliche im Vorübergehen gewiß mit dem Wasser des Weihwedels besprengte, obgleich ich das Wasser in jenem katholischen Hause nicht trinken wollte.

Einen langen, alten Sprach- und Fechtmeister, einen katholischen Franzosen, namens Martel, der in der Stadt kein Fortkommen mehr fand, hatte mein Vater mit Sack und Pack ins Haus aufgenommen. Er war einst Leibgardist unter Ludwig XV. Meinen Brüdern erteilte er in den Vakanzen Unterricht im Fechten und in der französischen Sprache. Er wurde bald sehr elend und altersschwach. Nächtlich verfiel er oft in Träume aus seiner vergangenen Zeit, stand als schlafwach auf, kleidete sich an, nahm seinen Degen und postierte sich mit solchem, im grauen Schlafrocke, hoher Zipfelkappe, eine lange, abgezehrte, graubärtige Gestalt, wachestehend vor die Türe seines Zimmers, wie er es in vergangener Zeit im Schlosse zu Versailles tun mußte, und so fand man ihn eines Morgens mit dem Degen in der Hand vor der Türe tot.

Mein Vater ließ auf seinen Sarg seinen Degen und zwei Lilien aus unserm Garten legen, und wohl erinnere ich mich seines Leichenbegängnisses nach damaliger Weise, bei der Nacht mit Fackeln.

An den Lehrern der lateinischen Sprache, die damals in Ludwigsburg waren, konnte man wenig Lust haben (Schillers Lehrer, Jahn, unterrichtete damals nur ältere Knaben), sie waren höchst pedantische Menschen, mit schmutzigen, baumwollenen Kappen und langen Haselnußstöcken, deren Bemeisterung ich durch Lug und Trug zu entgehen suchte. Dabei wurde natürlich wenig gelernt. Mein Vater wußte das wohl, aber seine Strenge schien sich an meinen Brüdern gebrochen zu haben, er übte gegen mich keine mehr, liebkoste mich und seufzte. An den Abenden, wo uns das Christgeschenk zuteil wurde, das oft sehr reichlich in seiner hellen Beleuchtung ausfiel, wo alles sich der Freude hingab, setzte sich mein Vater gemeiniglich im einsamen Zimmer in seinen Lehnstuhl und war sehr traurig. Es ist eigen, daß mich das gleiche Gefühl an den Freuden desselben Abends durch mein ganzes Leben immer auch befiel. Mein Vater war Freimaurer und hielt auf diese Verbrüderung. Es war in unserem Hause ein eigenes Zimmer, das zur Freimaurerloge bestimmt war, man hielt es vor uns Kindern immer sehr verschlossen. Ich merkte aber bald eine Heimlichkeit und sah oft durch das Schlüsselloch und die Spalten der Türe; da sah ich Meublen, wie wir sie sonst nicht im Hause hatten. Es waren weißlackierte Sessel mit Armen, sie waren mit himmelblauer Seide gepolstert und hatten goldne Borten und Fransen. In der Mitte des Zimmers stand ein runder, weißer Tisch mit schwarzer Marmorplatte, worauf ein Totenkopf und ein Winkelmaß lag, auch einen besondern Sitz, ebenfalls himmelblau, über den eine himmelblaue Draperie mit goldnen Fransen hing, bemerkte ich. An der Wand sah ich ein Schurzfell von weißem Leder, worauf allerlei schwarze Zeichen gemalt waren.

So mysteriös wie dieses Zimmer, doch ganz feenartig und wunderbar, kam mir als Kind das damals noch stehende, aber ganz verlassene und verschlossene, ungeheure Opernhaus vor, das Herzog Carl mit unsäglichen Kosten und in ungeheurer Eile zu seinen großen Opern und Festzügen, in welchen ganze Regimenter zu Pferd über die Bühne zogen, dahin erbauen ließ, wo in den sogenannten Anlagen hinter dem Schlosse jetzt der Spielplatz ist. Es ist bekannt, daß dieses wohl das größte Opernhaus in Deutschland war. Es war in seinem ganzen Innern völlig mit Spiegelgläsern ausgekleidet, alle Wände, alle Logen mit ihren Säulen waren von Spiegelgläsern. Man kann sich den Effekt eines solchen Hauses im Glanze der vielen hundert Lichter wohl kaum denken. Ich sah es natürlich nie in seiner Beleuchtung, sondern geradezu immer nur bei verschlossenen Türen und Läden, wo aber seine Wirkung für die Phantasie eines Knaben gewiß noch viel wunderbarer und zauberhafter war.

Trat man hinein, so sah man sich, wenn auch im Dämmerlichte, vielhundertmal wieder, und man glaubte auf einmal das ganze Theater von seinem eigenen Ich bevölkert zu sehen. Oft drang nach dem Zuge der Wolken von außen wieder ein heller Sonnenstrahl durch die Ritzen und Spalten der Türen und Läden; dann widerstrahlte das Haus oft in Farben des Regenbogens oder entstand sonst eine magische Beleuchtung.

Dabei standen noch aus alter Zeit halbzertrümmerte Bilder von Ritterrossen, Elefanten und Löwen umher. Oft flohen wir, durch all diese Erscheinungen im Innern dieses Zauberhauses fast zur Verwirrung gebracht, schnell hinaus an den hellen, klaren Tag. – Ich glaube, daß es das Jahr 1800 war, wo dieses Riesengebäude seiner Größe und Baufälligkeit wegen völlig abgebrochen wurde und später die jetzigen Anlagen (königliche Schloßgärten) seine Stelle einnahmen.

Mein Vater war ein großer Freund der Baumzucht. Abends nach des Tages Mühe und Last eilte er meistens in seine Gärten. Ein kleiner Garten war hinter der Oberamtei, in welchem ich auch ein Plätzchen zum Anbau bekam. Ich erinnere mich aber nicht, daß ich es mit Blumen bepflanzte, sondern immer mit Salat. Einen großen Garten als Eigentum besaß mein Vater eine Viertelstunde vor der Stadt, vor dem Tore, das auf die Solitude führt, in dem sogenannten Lerchenholze. Dahin wanderte ich oft abends zwischen den herzoglichen Gewächshäusern und dem See hin und hielt mich da oft, während der Vater vorausging, nach den Orangebäumen und Blüten durch die Fenster schauend, zurück, oder sah ich dem in dem See schwimmenden Geflügel zu.

Der Garten war mit einer großen Mauer umgeben und enthielt Baumschulen und Bienenhäuser.

Sobald mein Vater da ankam, legte er Hut und Stock in dem kleinen Gartenhause nieder, zog seinen Rock aus und eilte, mit Messer und Säge versehen, zu seiner lieben Baumpflanzung. Hier wurde nun alles aufs genaueste in Ordnung gebracht, gebunden und mit großer Strenge beschnitten. Bäume, die im Wachstum sich krümmen wollten, waren ihm ein Greuel, alles mußte aufrecht und in gerader Linie stehen. Man sah in diesem Tun und Lassen, in diesen Pflanzungen ganz seine Liebe zur Ordnung und strengen Zucht. Durch Inokulation und Impfung veredelte er die wilden Stämme, die er meistens selbst aus den Kernen zog, und führte über alles Kataloge. Ich habe auch kein üppigeres Obst mehr gesehen, als ich damals sah. Pfirsiche, Kirschen, Birnen und Äpfel waren in den seltensten, größten Arten vorhanden. Kirschen hatte er vom Mai bis in den September, und nie sah ich die sauern Weichsel mehr in dieser Größe und Vollkommenheit wieder. Es wurden, besonders mit letzteren, an Freunde und an die Tafel des Herzogs öfters Geschenke gemacht.

Man pflegte Kirsche um Kirsche mit etwas abgeschnittenem Stiele, der nach innen gekehrt sein mußte, in einen großen blechernen Trichter zu legen, den man, war er bis zum Rande gefüllt, auf einen mit Weinlaub bedeckten Teller umstürzte, worauf auf dem Teller eine Pyramide von Kirschen stand. Solche Teller wurden dann zur Kirschenzeit in Menge in befreundete Häuser geschickt, denn es waren Sorten, die sonst selten zu finden waren. Auch der schwarze Maulbeer war ein Lieblingsbaum meines Vaters, und vom Gemüsegarten pflegte er besonders die Artischocken und Spargeln. Außer meinem Vater war auch damals in Ludwigsburg sein Neffe, der Amtsschreiber Heuglin, ein großer Beförderer der Obstzucht, und diesen zwei Männern verdankt Ludwigsburg noch heute seinen Ruhm von ausgezeichnetem Obste. Auch der Vater Schillers arbeitete in Ludwigsburg schon in noch früherer Zeit für die Baumkultur.

Die Mutter meines Vaters lebte längere Zeit als Witwe in einem besondern Hause der Stadt. Das Alter vermochte nicht, in ihren Zügen das Bild weiblicher Hoheit zu tilgen. Sie wurde blind und unterwarf sich einer Operation ohne Erfolg. Was von ihr erzählt wurde, spricht von einem ungewöhnlichen Geiste.

In der Nacht ihres Blindseins hatte sich ihr Ahnungsvermögen aufs äußerste geschärft, sie hatte voraussagende Träume und soll, besonders was die nach Jahren folgende Französische Revolution betrifft, vieles überraschend vorausgesagt haben. Sie setzte einen großen Genuß darein, Familienfreuden zu bereiten, und bei ihrem ausgezeichneten Verstande und vielseitiger Erfahrung wurde sie nicht nur als das Orakel in der Familie verehrt, sondern in mancherlei Angelegenheiten von einem großen Teil des Publikums in und bei Ludwigsburg konsultiert. Ich hatte sie nicht mehr kennengelernt. Ihr zweiter Sohn, jünger als mein Vater, lebte ebenfalls in Ludwigsburg, zuerst als Advokat, nachher als Bürgermeister der Stadt, und zuletzt als Landschaftskonsulent in Stuttgart. Sein Eifer für die Rechte des Volks und die Bewachung der Verfassung sind bekannt. Kaum vor Auflösung derselben starb er mitten in der Versammlung der Landstände und wurde tot aus ihrem Saale getragen. Neben diesem Bruder wohnten noch zwei Schwestern meines Vaters in Ludwigsburg, wovon die eine den Diakonus Mutschler daselbst zum Gatten hatte. Sie war eine sehr verständige, aber mit ganz sonderbaren Eigenheiten und Glauben begabte Frau. So gab sie z. B. nie zu, daß in Krankheiten ein Arzt in ihrem Hause zu Rat gezogen wurde, und selbst bei ihren Enkelkindern suchte sie dies auf alle Weise zu verhüten. Ich weiß aus späteren Zeiten von ihr, daß, als einmal einer ihrer Enkel in einem Erziehungshause am Scharlachfieber erkrankte, sie eilend dahin abreiste und Tag und Nacht an seinem Bette sitzen blieb, bloß um zu verhüten, daß keine Medikamente ihm gereicht würden, nur Wasser; das war schon 40 Jahre und länger, bevor der Gräfenberger Wasserarzt sich erhob. Es war aber auch wirklich, daß nur durch ihre Pflege und Wasser Kinder und Enkel von ihr in sehr harten Krankheiten genasen. Eine zweite Schwester meines Vaters war mit einem herzoglichen Stallmeister, namens Müller, verheiratet. Diese Ehe war nicht ganz glücklich; die Frau starb in Melancholie und hinterließ 4 Töchter, von denen zwei ebenfalls in Ludwigsburg verheiratet waren, die eine an den Amtsschreiber Heuglin, ausgezeichnet durch Gemüt und Verstand, die andere an den Stadtschreiber Schönleber. Sie muß in ihrer Jugend von hoher Schönheit gewesen sein. Ihr Charakter war edel und streng. Sie trug die Bürde des Lebens mit Mut und starb in einem hohen Alter. Die dritte war an den zu Lustnau verstorbenen Dekan Mayer, früher Professor zu Maulbronn, verehelicht, und ihrer wird in diesen Blättern später mehr erwähnt. Die jüngste hatte den Dekan Uhland von Brackenheim (den Oheim des Dichters) zum Gatten.

Und nun komme ich wieder auf den Garten, von dem ich früher sprach. Hinter dem Rathaus in Ludwigsburg, das der Stadtschreiber Schönleber, Neffe meines Vaters, bewohnte, war ein sehr großer Hof, in dessen Mitte zwei prachtvolle alte Nußbäume standen. Hier war gar oft der Platz unserer Spiele. Schönleber hatte mehrere Kinder, im Alter mir nahe, und namentlich zwei Söhne, Georg und August, letzterer nachheriger Besitzer der Ludwigsburger Tuchfabrik. Sein ältester Sohn, namens Friedrich, ein Mann vom gediegensten, rechtschaffensten Charakter, älter als ich, starb kürzlich zu Stuttgart als Archivar der Landstände.

In der ersten Sitzung derselben (im Januar 1848) wurde seinen Verdiensten von dem Präsidenten das würdige Lob erteilt, welchem alle Repräsentanten durch Erhebung von ihren Sitzen Beifall zustimmten.

Nach diesem Hofe des Stadtschreibers kam man in seinen für Kinderaugen ungeheuer großen Garten, der mit den prächtigsten Obstbäumen aller Art besetzt war. Hier gab es im Herbste wahre Lustgelage für die Jugend – die Bäume standen meistens in großen Grasplätzen und bogen ihre früchteschweren Äste in manchem Herbste tief zu den Blumen des Grases nieder. Welche Lust, auf einen solchen Baum steigen, das lachende Obst brechen zu dürfen! Welche Freude, an einem andern zu schütteln, bis er ringsherum das Gras mit seinen duftenden Früchten bedeckt hatte. An diesen Garten stieß der Garten, der zu dem Palais des Prinzen Friedrich (nachherigen Königs) gehörte. Die Bäume, deren Äste über die diese Gärten trennende Mauer ragten, ließen oft ihre Früchte in den prinzlichen Garten fallen. Als wir einmal so einen Baum mit Mostbirnen geschüttelt hatten, tat es dem Stadtschreiber sehr leid um die in den prinzlichen Garten gefallenen Birnen, und er konnte nicht umhin, seinen Schreiber zum Hausmeister des Prinzen zu senden, sich die Erlaubnis, diese Birnen holen lassen zu dürfen, auszuwirken; da begegnete aber der Prinz selbst dem Schreiber unter dem Tore des Palais und fragte ihn, was er begehre. Darob kam der Schreiber in großen Schrecken und stotterte heraus: »Der Herr Stadtschreiber läßt fragen, ob er nicht die in den Garten gefallenen Birnen dürfe untertänigst auflesen.« Der Prinz lächelte und sprach: »Ja! ja! er soll sie nur gnädigst nehmen.« – Zur Osterzeit legte in dem angebauten Teile dieses Gartens, in den mit Buchsbaum umgebenen Blumenländern, der Hase ein, worin die bunten Eier den Kindern zum Suchen versteckt waren, ja, diese Freude erstreckte sich noch in einen benachbarten Garten des schon früher berührten Dekans Zilling. Dieser Dekan Zilling gehörte unter die damaligen Originale Ludwigsburgs, daher wohl von ihm noch einiges angeführt werden darf.

Er war ein Freund der Kinder und hatte auch der kleinen Landmiliz zu einer Fahne verholfen; er war aber ein strenger Eiferer auf der Kanzel, auf die er auch Privatverhältnisse brachte und sich dadurch manche Feinde zuzog, worunter, wie bekannt ist, auch Schubart gehörte, den er besonders verfolgte, weil dessen Orgelspiel lieber gehört wurde als seine Predigten.

Der Geist seiner Predigten ist aus folgendem wörtlichen Eingange einer derselben, mit dem er ihren Inhalt ankündigte, zu entnehmen.

»Geliebte in Ihme! Adam und Eva unsere ersten Eltern im Paradiese. Die Arglist der Schlange. Die Bosheit der Schlange. Die Verführungskunst der Schlange. Der Baum mit der verbotenen Frucht im Paradies. Der Genuß der Frucht vom verbotenen Baum. Der erste Sündenfall. Der Engel mit dem Racheschwert im Paradies. Marsch, 'naus zum Paradies, marsch! marsch! marsch!«

Gegen den Prinzen Friedrich übte er in den Predigten diesem mißfallende Schmeicheleien aus, er verbeugte sich zum Exempel tief gegen ihn von der Kanzel mitten in der Predigt und sagte: »Ja! Ludwigsburg verehrt wirklich was Großes in seinen Mauern!« Der Prinz ärgerte sich darüber und besuchte die Kirche von dort an selten mehr, wie er denn auch das Abendmahl nicht mehr von Zilling, sondern von dem Pfarrer in Schwieberdingen nahm.

Mit dem Militär, gegen dessen Sitten er oft in Predigten zu Felde zog, lag er immer im Kriege, und die damaligen jungen Offiziere spielten ihm manchen Streich, von denen einer so derb war, daß er nicht wieder zu erzählen ist. Er nahm seine Rache an ihnen aber auch, wo und wie er konnte, oft auf der Straße ohne Rückhalt.

Einsmal begegnete er drei jungen Lieutenants; sogleich machten diese vor ihm Front und sprachen mit erhabenem, spöttischen Tone: »Ah! votres serviteurs très humbles.« »Jawohl, drei Simpel!« versetzte er. Die Offiziere mußten beschämt weitergehen. Mit gleichem Witze bezahlte ihn aber einmal der betrunkene Weinzieher Degler. Dieser taumelte im vollen Rausche an Zillings Haus vorüber, Zilling bemerkte ihn und rief heraus: »Ei! ei! Degler! wer wird sich so besaufen?!« Degler lallte hinauf: »O ihr Dignität! Ih hau au scho viel bei Ihne abeg'schlaucht, aber no kein wieder uffe.«

Wenn er am Martini in die Schulen kam, um die Visitationen vorzunehmen, begrüßte er jedesmal die Lehrer mit folgendem, nach den Rangstufen abgeteilten Morgengruß:

»Wünsch wohl geruht zu haben,
Herr Oberpräzeptor Winter!
Gleichfalls, Herr Präzeptor Herold!
Empfehl mich Ihnen, Herr Präzeptor Elsässer!
Guten Morgen Schulmeister!
Bon jour, ihr Provisor!
Grüß euch Gott, liebe Kinder!
Ist man auch da, Mäule?«
(Mäule war der Schuleinheizer.)

Sein Bruder war der Mesner (Küster) der Kirche und mußte ihm jeden Sonntag mit Bekomplimentierungen den Kirchenrock anziehen. Herren, die ohne schwarzen Mantel zum Abendmahl kamen, wie z. B. der Amtsschreiber Heuglin und der Chemiker Staudenmayer, wies er vor der ganzen Gemeinde vom Altar zurück.

Als er einmal während der Predigt einen Hund in der Kirche bemerkte, rief er von der Kanzel herab: »Mesner, bring Er diesen Hund hinaus! Wer diesen Hund in die Kirche gebracht, ist unvernünftiger als dieses unvernünftige Tier.« Auf diese Rede sah man einen Hofrat sich erheben und aus der Kirche gehen, dem nun natürlich alles nachsah.

Auf der andern Seite hatte er aber doch auch wieder vielen kindlichen Sinn und liebte die Kinder, wie ich schon bemerkte. Viele seiner Schwachheiten konnte man auch wohl auf Rechnung seines Alters schreiben. Den Konfirmationsunterricht erteilte er den Kindern auf eine allerdings mehr kindische als kindliche Weise und verirrte sich dabei oft in die Erd- und Himmelskunde, z. E. (ganz nach seinen Worten):

»Unsere Erde, glaubet er, se steh auf steinerne Pfeiler, oder se sei an einer langa, eiserna Kette, daß se nit runterfallt, und was glaubet er von dem blauen Himmel, wenn er ihn so sehat? Glaubet er, das sei a großes blaues Tuch, das da ausgekramt sei, und die Sternle seiet silberne Nägele, mit dem's angenägelt sei, daß nit runterfall?« –