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Justinus Kerner

Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit
Freund Gottfried und seine Eltern


Ich hatte hierin einen gleichstrebenden Freund, den Sohn des Professor Mayer, namens Gottfried.

Er war älter als ich, ein gutmütiger, aber sonst sehr prosaischer Mensch. Er war Hospes im Kloster und sollte die Theologie studieren. Oft rief ihm sein Vater zu, wenn er ihn bei mir erblickte: »Büble, Büble! Hebräisch mußt du lernen, Hebräisch! Nur dadurch kann man ein Mensch werden.« Das Hebräische soll die Hauptforce dieses Professors gewesen sein, und wenn er glaubte, das Hebräisch habe ihn zu einem Menschen gemacht, so machte es ihn wenigstens zu einem ganz sonderbaren, komischen Menschen und Sonderling. Seine Frau, wie schon öfters bemerkt, Nichte meines Vaters, war aber ebenfalls ganz eigener Art, aber von ihrem Manne ganz und gar verschieden. Er und seine Gattin sprachen durch ihr ganzes Leben miteinander per Sie. Ich kann ihn mir kaum anders denken als in einer weißen, baumwollenen Kappe, mit grauen Härchen, rotem, rundem Gesicht, einem runden Bäuchlein, kurz und dick steckend in einem meist schmutzigen, mit Schnupftabak verunreinigten Schlafrocke, an dessen Gürtel ein großes Bund Schlüssel hing.Es waren dies nicht nur die Schlüssel zu Speisekammer und Keller, sondern auch zu den Gelassen der Studenten, dem sogenannten Dormente. Seine Frau dagegen war immer schneeweiß gekleidet, ihr Gesicht bleich, etwas aufgedunsen, von freundlichem, doch ernstem Aussehen. Sie war schwärmerisch in religiösen Dingen, die Reinlichkeit in ihrem Haushalte trieb sie bis zur quälendsten Pedanterie. Auf die Reinheit ihrer Stubenböden drang sie so sehr, daß nicht nur das Gesinde, sogar oft die Besucher mit ausgezogenen Schuhen in den Strümpfen gehen mußten; daß sie dadurch besonders mit ihrem die Reinlichkeit gar nicht liebenden Ehegemahl in starken Konflikt kam, war nicht zu verwundern.

Oft bediente sich der Professor eines Pferdes meines Vaters zum Spazierritt, in meiner Begleitung. Das Pferd war ein sehr hoher Rappe, auf welchen ihn jedesmal beim Aufsteigen der Amtsdiener hob. Bei solchem Ritte trug er immer einen langen, schwarzen Frack, dessen Flügel links und rechts bis auf die Schuhe reichten, die mit breiten, silbernen Schnallen prangten. Das runde Bäuchlein bedeckte eine schwarze Pattenweste. Auf dem Kopfe hatte er einen kleinen, spitzigen, dreieckigen Hut und in der Hand einen braunlackierten Stock.

Eines der Pferde meines Vaters hatte die Eigenheit, daß es das Rauschen von Papier nicht leiden konnte. Als ich nun einsmal mit dem Professor solch einen Ritt machte, begegnete uns der Ortsbote. Diesem forderte der Professor die Zeitungen ab, um sie gemächlich auf dem Pferde zu lesen; aber kaum hatte er sie entfaltet und das Pferd das Rauschen des Papiers vernommen, so kehrte es in vollem Laufe um. Der Professor klemmte seine kurzen Füße wie Krebsscheren in den Gaul ein, es entfielen ihm Hut und Stock, er hielt sich mit den Händen am Sattelknopfe und schrie mit verzweifelter Stimme: »Holet den Gaul ein!« Das Pferd rannte mit ihm durch das Tor, das meinige mit mir hinten nach über den Klosterplatz dem Oberamteihofe zu. Man glaubte, es kommen Feuerreiter angesprengt, alles sah aus den Fenstern und sprang herbei, doch ging die Kavalkade noch glücklich vorüber. Das Pferd hielt, vor dem Stalle angekommen, auf einmal stille. Der Professor hatte sich noch konvulsivisch auf demselben erhalten, wurde aber totenbleich und fast besinnungslos von demselben herabgenommen und in unsere Wohnung gebracht. Er wußte lange nicht, wo er war, und sprach von Elias und seinem feurigen Wagen, auf dem er gefahren, ganz in der Irre. Seine Ehehälfte, Therese, die auch herbeigesprungen war, suchte ihn durch kalte Umschläge im Lehnsessel meines Vaters zurechtzubringen. Er sprach aber immer von Elias, und daß er seinen Mantel verloren. »Sie haben keinen Mantel angehabt und keinen verloren«, beschwichtigte ihn die Frau, »und Sie fuhren auch auf keinem Wagen, sondern ritten auf dem Rappen, der mit Ihnen durchgegangen, und ein Professor sollte eben nicht reiten.« – »Wie? Ich ritt?« sagte er – »ja, ja, ich besinne mich, auf dem Rappen, es ist mir ganz schwarz vor den Augen; vorher war es mir wie Feuer. Sie haben recht, Therese, ich werde nicht wieder reiten, ich will lieber zu Fuße gehen.« »Aber nicht bei schmutzigem Boden«, fiel Therese ein, »weil Sie Ihre Schuhe nie vor dem Zimmer ausziehen wollen.« Die kalten Umschläge und ein Aderlaß, die man dem Professor zu Hause applizierte, heilten ihn bald völlig von Erschütterung und Schrecken; aber auf den Rappen kam er von da an nicht mehr.