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Justinus Kerner

Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit
Die Franzosen in der Oberamtei


Weniger Störung verursachten die Franzosen in der Prälatur. Es stiegen bei 24 Chasseurs vor derselben ab, sprangen die Treppen hinauf, kamen aber ebensobald wieder, wie von einem Schreckbilde verscheucht, zurück.

Die Frau Prälatin mit dem Eulenkopfe hatte sie auf der Treppe empfangen, da suchten sie schnell wieder das Freie; nur wenige blieben, und der größte Teil wandte sich nach der der Prälatur gegenüberstehenden Oberamtei, wo aus den Erkern junge Mädchen schauten, die großen Kellertüren ihnen reichlichen Wein und der rauchende Schornstein ihnen Speise zu verkünden schienen.

Hier waren auch schon in Küche und Keller alle Hände in Tätigkeit. Meine ängstliche Mutter war bereit, alles zu geben, nachdem sie aber doch vieles versteckt hatte, was ihre Angst und Bereitwilligkeit zu geben nur wieder vermehrte. Wir hatten sogar von einem Straßburger adeligen Gutsbesitzer, einem Herrn von Türkheim, Kisten voll reicher Effekten, die er über den Rhein zu uns rettete, im untern Stocke des Hauses in Verwahrung.

Doch man sah bald, daß es hier auf kein Plündern abgesehen war, und meine lebhafte Schwester Ludovike, nachdem sie sich in Herbeischaffung von Speise und Trank erschöpft hatte, kam auf den Einfall, es wäre ganz schön und würde dem Bruder in Paris sicher wohlgefallen, ja! könnte ihm dort von Nutzen sein, würde die Mutter einen Ballen roten wollenen Zeuges, den sie zu Sesselüberzügen bestimmt, den guten Franzosen zu Kappen austeilen, das würde sie so erfreuen, daß sie gewiß nach dem Versteckten nicht fragen würden.

Die beängstigte Mutter willigte ein. Schnell ward das gute Stück roten Wollenzeuges zu Kappen verschnitten, am Ende des Mahls an die trunkenen Gäste, die voll Jubel waren, ausgeteilt, während schon unten der Trompeter zum Abmarsch blies.

Flugs waren sie alle versammelt und wieder zu Pferde und verließen mit ihren anderen Kameraden in schnellem Galopp das Kloster zur großen Beruhigung meiner Mutter und des Professors Mayer, aber zu meinem Leide; denn diese neue Erscheinung hatte mich in der Seele erfreut.