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Justinus Kerner

Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit
Das amerikanische Nilpferd


Statt des Mittagessens mußte ich nun ein paar Tassen Hopelpobel trinken, die ich sogleich auch wieder von mir gab; doch blieb von dem geistigen Getränke noch so viel im Magen zurück, daß ich dadurch aufgeregt wurde und es nicht anders tat, als daß man mich abends mit Matthias auf den eine halbe Stunde entfernten, sogenannten Wartberg spazieren ließ. Dem Matthias war es bei diesem Gange hauptsächlich darum zu tun, den berühmten Jäger Nast, der das Wirtschaftsgebäude auf diesem Berge bewohnte und den Wirt machte, kennenzulernen. Nast hatte einen Hirsch zum Reiten und zu andern Künsten abgerichtet, einen Hasen die Trommel zu schlagen und einen Esel wahrzusagen gelehrt. Wir gingen zum sogenannten Sülmertor hinaus. Da begegnete uns bald ein Bauer mit einem stattlichen Pferde an einem Frachtwägelchen, der die gleiche Straße fuhr. »Ei!« schrie der Bauer, »daß wir uns hier begegnen, mein lieber Vetter Matthias!« Matthias erkannte in ihm einen nahen Verwandten, einen Frachtbauer aus der Gegend von Öhringen, und freute sich des Zusammentreffens. Aber als er von dem Jäger Nast und seinen Tieren auf dem Wartberg sprach und daß er da hingehe, diesen kennenzulernen, da umwölkte sich des Vetters Stirn gewaltig, und er brach in Schimpfreden gegen den armen Jäger aus. »Nun«, sagte er, »dies gute Pferd und noch etwas Geld dazu habe ich freilich durch ihn gewonnen, aber den Schlag, den mir der undankbare Geselle mit der Fläche der Klinge seines Hirschfängers über die Schulter versetzte, und die Schimpfreden, die er mir gab, werde ich nie vergessen, und kommt ihr zu ihm, so sagt es ihm nur, und sagt nur aller Welt, daß das Tier, das er für ein amerikanisches Nilpferd zu Frankfurt ausgegeben, nichts als ein alter, haarloser Karrengaul gewesen.« Matthias sprang vor Lachen hoch auf und sagte: »Das wäre doch ganz possierlich, und könntet Ihr es beweisen, wollte ich es aller Welt erzählen, auch Euch für die erhaltenen Schläge rächen.« »Warum sollte ich es nicht beweisen können?« sagte der Bauer. »Man frage nur den Scharfrichter zu Steinfurt bei Öhringen. Der Gaul hatte die Strengel, ich schüttete ihm vieles ein, allein es half nichts, bis der Scharfrichter ihm einen starken Trank von Savenbaumzweigen gab; darauf verlor sich die Strengel, allein mit derselben verloren sich alle seine Haare, das Tier wurde ganz und gar haarlos und glatt wie ein Stiefel, selbst die Augenwimpern fielen ihm aus, und sein Schwanz wurde wie ein Aal. Da war es vor einem Jahre im Frühling, als ich den Gaul an meinem Wägele diese Straße hinfuhr, daß mir dieser Jäger Nast begegnete und den Gaul ansah; da schwatzte er mir vor, wieviel ich gewinnen könnte, würd' ich mit diesem Pferde unter seinem Schutze auf die Frankfurter Messe ziehen; denn da wollte er es dann mit seinen andern Tieren ums Geld sehen lassen, aber verschweigen müsse ich, daß es ein gewöhnlicher Gaul sei; man müsse es als eine ganz neue Tiergattung aus einem fremden Weltteile ausposaunen, und dafür solle ich nur ihn sorgen lassen. Unter solchem Zureden verfolgte er mich bis in den Gasthof ›Zum Adler‹, wo ich meinen Gaul einstellte, setzte sich mit mir an den Wirtstisch und trank mir weidlich zu. Noch war an demselben Tische so ein junger Student von Heilbronn, der dem Nast wohlwollte, der mischte sich auch in unser Gespräch und redete mir sehr zu, doch mit dem Nast und dem Gaule nach Frankfurt zu ziehen; auch gab er den Rat, das Tier dort für ein amerikanisches Nilpferd auszugeben, dann werde es Schaulustige genug finden, und krepiere es dort, werde es von den Herren Gelehrten in die Sammlung ausgestopfter seltner Tiere, die man dort habe, gewiß um schweres Geld erstanden.

Nach solchen Reden willigte ich ein, und nach ein paar Tagen waren wir in Frankfurt mit dem Gaul und den Tieren. Der Nast ritt dort auf seinem Hirsche umher und verkündigte, daß er neben einem trommelschlagenden Hasen und einem wahrsagenden Esel auch ein lebendiges amerikanisches Nilpferd besitze, was derzeit in Europa noch nicht gesehen worden sei. Der Zulauf war sehr groß, und Nast sagte mir den dritten Teil der Einnahme zu. Aber nach wenigen Tagen wurden wir uneins; Nast schien meiner Person überdrüssig zu werden, doch nicht des Nilpferdes, und als ich seinem wahrsagenden Esel, der nach mir geschlagen, einen Tritt versetzte, so zog er seinen Hirschfänger vom Leder und gab mir eine Fuchtel auf den Rücken, was mir zu grob war. Kurz, wir trennten uns, und ich verkaufte das Pferd ganz ehrlich als ein altes, haarloses Pferd an einen vornehmen Herrn, der mit Löwen und einem Elefanten reiste, um ein gutes Stück Geld, doch unter dem Versprechen, das Herkommen des Tieres wenigstens ein Jahr lang zu verschweigen.

Nun ist das Jahr vorüber, und ich kann es nicht länger verschweigen, dem Nast zum Possen, der mir die Fuchtel gab.« »Man soll es erfahren, und dafür laßt mich sorgen, lieber Vetter!« versetzte Matthias mit innerer Freude über den Spuk dieser Zweien. »Es sind wohl viele Heilbronner da oben, da will ich es erzählen.« Nun wünschten sich Matthias und sein Vetter baldiges Wiedersehen. Der Fuhrmann fuhr die Straße nach Weinsberg hin, und wir lenkten links gegen den Wartberg ein.