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Justinus Kerner

Das Bilderbuch aus meiner Knabenzeit
Mein Bruder Carl und die Arretierungen in Ludwigsburg


Fast um die gleiche Zeit kam meine gute Mutter in einen ähnlichen und beinahe noch größeren Jammer durch meinen gar nicht revolutionären Bruder Carl.

Es wurden damals mehrere Württemberger, selbst Freunde meines Bruders, z. E. ein Konsulent Bonz in Ludwigsburg, ein Lieutenant Pinasse, Landschaftskonsulent Batz, Hauptmann Bauer, der als geschätzter General im bayerischen Generalstabe starb und sich auch als militärischer Schriftsteller bekannt gemacht hatte, ferner Sekretär Hauff (Neffe meiner Mutter, Vater des Dichters) und mehrere andere, auf herzoglichen Befehl in der Nacht aufgehoben und auf die Veste Asperg abgeführt. Das österreichische Armee-Kommando in Württemberg hatte sie angegeben. Man hatte sie im Verdachte, in sträfliche Verbindungen mit den Franzosen zur Errichtung einer deutschen Republik getreten zu sein. Es wurde eine Staatskommission auf der Veste niedergesetzt, die die Gefangenen zu verhören hatte. Einer dieser, ein sehr feiger und schlechter Charakter, glaubte sich seine Sache zu erleichtern, wenn er auch vom Herzog sehr treu geglaubte Offiziere darein verwickelte, und so suchte er meinen Bruder auch schon durch die republikanischen Gesinnungen seines älteren Bruders, die dem Herzoge nur zu bekannt waren, zu verdächtigen. So kam es, daß mein Bruder eines Morgens auf einmal durch seinen Vorgesetzten, den General Kammerer, die Weisung erhielt, sich mit ihm auf Befehl des Herzogs sogleich auf die Veste Asperg zu begeben, um dort vor besagter Kommission ein Verhör zu erstehen. Man glaubte aber höhern Ortes so wenig an seine Schuld, daß ihm auch nicht einmal der Degen abgenommen wurde, er reiste mit seinem General wie zu einem Geschäfte im Dienste nach der Veste Asperg ab.

Welch Herzeleid aber meine Mutter empfand, ist wohl zu erachten; auch wir Geschwister brachen in Klagen und Weinen aus.

Es hatte sich in Ludwigsburg unter den Familien eine allgemeine Angst verbreitet, und wer nur in etwas kein gutes Gewissen hatte, brachte die etwa verdächtig sein könnenden Papiere und Bücher auf die Seite, und Hunderte, die sich gegen die politischen Verhältnisse geäußert, erwarteten ihre Abführung auf die Veste.

Mein Bruder aber war an demselben Tage abends schon wieder von der Veste zurück, es konnte ihm nicht die mindeste Schuld beigemessen werden, und selbst bei einer Audienz, die er sogleich darauf beim Herzog begehrte und in welcher er sich über den Vorfall beschwerte und nicht Gnade, sondern Gerechtigkeit forderte, wurde ihm alle Genugtuung.

Unser Vetter Hauff, auch Bonz wurden bald vom Asperg entlassen, und es erstreckte sich die Zahl der gefangen Gebliebenen nur noch auf sechs; denn es beruhte die Verhaftung bei einzelnen nur auf solchen Denunziationen und ungegründetem Verdachte, und die Persönlichkeit der gefangen Gebliebenen war gar nicht derart, daß von ihnen eine Staatsumwälzung und Errichtung einer deutschen Republik zu erwarten gewesen wäre. Nur einem derselben, dem Landschaftskonsulenten Batz, ging es sehr übel; er wurde von den Österreichern lange herumgeschleppt, auf eine österreichische Festung gebracht und, wenn ich nicht irre, erst nach Jahren wieder in Freiheit gesetzt.